Predigt beim Heidenreichsteiner Burgstadtfest, 6. Okt. 2024

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und von unserem Herrn und Bruder Jesus Christus.

Liebe Festgemeinschaft,

ich bitte Sie um Ihre Aufmerksamkeit! Ich werde keine lange Predigt halten, weil die Zeiten, in denen die Pfarrer für langes Predigen bezahlt wurden, schon eine Weile vorbei sind. Vorbei sind allerdings auch die Zeiten, in denen das einzige Qualitätsmerkmal der Predigt die Kürze war. Heute legen wir mancherlei Oberflächlichkeit zum Trotz meist Wert auf den Inhalt.

Eine Predigt ist eine Überlegung zum Bibeltext. Eine solche machen sich die meisten Menschen außerhalb des Gottesdienstes nicht. Deshalb bitte ich Sie, heute mitzudenken. Nach dem Gottesdienst freue ich mich über Ihre Gedanken zu dem heutigen Bibeltext. Ich bleibe im Anschluss gerne noch eine Weile hier für ein Gespräch.

Der heutige Predigttext ist aus dem 1. Brief Timotheus, Kapitel 4:

„4Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet.“

Ein Text, der zu Menschen vor vielen Generationen geschrieben wurde, und der viele bis heute in ihrem Alltagsleben begleitet hat. In der Bibel geht es immer um das reale Leben.

Heute werden wir hier verweilen und das Burg.Stadt.Fest mit gutem Essen und anderen Köstlichkeiten feiern. Viele von euch freuen sich schon auf einen weißen Teller mit braungebratenem, duftendem, dampfendem Schnitzel mit einer Scheibe Zitrone und grüner Petersilie oben drauf.

Ich möchte Sie aber etwas fragen: Was bleibt meistens auf dem Teller, nachdem Sie das Schnitzel gegessen haben?  Was bleibt übrig neben dem Besteck und der Serviette? Meistens sind das die Reste von der Zitronenscheibe und die grüne, unberührt gebliebene Petersilie. Von vielen als weniger schmackhaft als das Schnitzel, wird das grüne Pflanzerl als nicht essbare Deko abgetan. Obwohl es sicher wesentlich mehr wertvolle Vitamine und Mineralstoffe enthält als das Stück Fleisch, die Panade und das Bratöl, hilft dieses Wissen wenig gegen die Gewohnheit – „das ist doch nicht essbar!“ Ja, sicher, nach Fleisch schmeckt es nicht!

Wie gut kennen Sie, wie die Petersilie wirklich schmeckt und was in ihr steckt?

Wie oft haben Sie den herben, leicht bitterlichen, würzig-süßlichen Geschmack der Petersilienblätter als etwas Kostbares probiert? Wie oft haben Sie gespürt, dass der pfeffrige, erdige, frische Geschmack des Petersilienstengels ein echtes Geschenk Gottes für die Küche und für den menschlichen Körper ist?

Die Petersilie beschenkt nicht nur Ihre Geschmacksrezeptoren mit vielfältigem, feinem Geschmack, sondern gibt Ihrem Körper Vitamine der Gruppen B, C und E, Folsäure, Magnesium, Kalzium und Eisen.  Diese wertvollen Ernährungsbestandteile kommen Ihnen aber nur dann zugute, wenn Sie den wirklichen Wert in der grünen Dekoration des Schnitzels wahrnehmen und es nicht vorher schon als wertlos abtun.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es genug Menschen gibt, für die die Petersilie das einzig essbare an einem Schnitzel ist. Und wenn es um unmenschliche Massenhaltung der Tiere geht, stimme ich persönlich diesen Menschen zu.

Doch der heutige Predigttext soll nicht das Politikum der Ernährung berühren, sondern möchte uns einladen, das Gute in allem wahrzunehmen. Auf das Gute dieser Schöpfung zu vertrauen und nichts als wertlos, unwichtig oder sogar schlecht abzutun. Und das bewirkt etwas Grandioses für unseren Alltag.:

Wenn wir die Welt aus der Schöpfungsperspektive wahrnehmen und das Gute in allem sehen lernen, verankern wir uns in dieser Welt und gleichzeitig in Gott als verantwortliche, freie Menschen. Wenn wir aus der Schöpfungsperspektive die Welt wahrnehmen, verleitet uns jeder Augenblick zur echten Dankbarkeit. Nicht durch Zauberei, sondern durch Dankbarkeit und Respekt der Schöpfung gegenüber würden Ressourcen auf dieser Welt für alle reichen. Vielleicht wollte Jesus uns das sagen, als er gegen den Pessimismus und die Untergangszenarien der Menschen die 4000 Leute mit 7 Broten sättigte. Wenn wir aus der Schöpfungsperspektive die Welt wahrnehmen, kann uns keiner etwas einreden, uns verunsichern oder manipulieren. Deshalb haben alle autoritären Regime dieser Welt immer versucht, Religion manipulativ zu vereinnahmen oder brutal abzuschaffen.

Durch Dankbarkeit wird etwas Mehr aus dem, was nur da ist. Durch Sorge und Angst wird es weniger. Durch Dankbarkeit werden die Dinge schöner. Durch Sorge und Angst ist nichts gut genug. Durch Dankbarkeit bekommt jeder Augenblick des Lebens, so wie er ist, seinen unverwechselbaren, besonderen Wert.

Pfarrerin Dace Dišlere-Musta und Pater Josef Brand beim Heidenreichsteiner Burgstadtfest 2024

Pfarrerin Dace Dišlere-Musta und Pater Josef Brand beim Heidenreichsteiner Burgstadtfest 2024

Und beides auf dem Teller ist wertvoll – das Schnitzel und die Petersilie. Und wenn auch das Essen heutzutage, ebenso wie zur Zeit der Urgemeinde, schnell eine politische Note bekommt, ist es von Grund auf einfach nur voll göttlicher Güte und Gnade dem Menschen gegenüber. Denn Essen ist nicht nur Ernährung. Essen ist Gemeinschaft. Essen ist Freude und Vorwegnahme des Himmels.

Das Essen, das uns Menschen zur Dankbarkeit verleitet, das uns stärkt und erhält, ist in allem und gänzlich gut, weil die Schöpfung Gottes gut ist.

Der Schreiber des Timotheusbriefes hat diese Zeilen geschrieben, weil es damals in der Gesellschaft Gruppierungen gab, die ihre Macht demonstrieren wollten und den Menschen strenge Regeln und Vorschriften auferlegen wollten, was sie essen dürfen und was nicht. Und das im Namen des Glaubens. Die Worte der Bibel sind die Antwort auf diese Versuche, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen. Auf die Versuche, Menschen zu versklaven und ihnen die Freiheit und die Freude an der göttlichen Güte zu rauben.

Der christliche Glaube bedeutet, an die Verbindung des Menschen mit Gott zu glauben. Mit dem Gott, der die Menschen in das gute (in der Einheitsübersetzug steht – in das PRÄCHTIGE) Land bringt, der ihnen die Fülle schenkt, der die Menschen sättigt und mit ihnen isst und trinkt. Mit dem Gott, der sich für die Menschen hingibt, damit sie leben und feiern – das Gute sehen und verantwortungsvoll feiern. In der Lesung haben wir gehört: „Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.“ Diese Worte sind eine Aufforderung zur Wertschätzung und Dankbarkeit.

Vielleicht ist die Dankbarkeit die wichtigste Komponente auch des heutigen Festes,

  • damit es gelingt,

  • damit aus dem, was ist, etwas mehr wird,

  • damit das Gute und die Freude mit jedem Tag unseres Lebens tiefer und spürbarer werden,

  • und wir sie an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben können.  

Amen.

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Predigt am 8.9.2024 zu Worten aus dem Vaterunser: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“