Predigt am 8.9.2024 zu Worten aus dem Vaterunser: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ 

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Gott, wir stehen vor deinem Wort, segne unsere Gedanken. Amen.

Liebe Gemeinde,

Martin Luther soll es gesagt haben: „Heute habe ich viel zu tun. Deshalb muss ich heute viel beten.“

Ist das nicht ein Widerspruch? Heutzutage sind wir alle viel beschäftigt. Unsere Termine drängen und unser Terminkalender ist das einzige echte Monster in unserem Haus. Und es stimmt – es gibt im Leben Phasen in denen wir keine Möglichkeit sehen die Spiritualität und den Glauben wirklich zu leben. Die Zeit dafür ergibt sich einfach nicht und die Sehnsucht hat eine sehr leise Stimme.

Ebenso häufig ist die Frage – was kann ich mit meiner tieferen Sehnsucht überhaupt anfangen. Meistens ist das eine sehr mächtige Sehnsucht – die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach gut aufgehoben, geschützt, verstanden, ganz angenommen, geliebt und wertgeschätzt zu sein. Diese Sehnsucht liegt in jedem von uns, aber manchmal ist sie mit vielen Sorgen verschüttet.

Ich nehme an, dass in unserem Predigttext Jesus damals genau zu solchen Menschen geredet hat. Wie zu uns – mit unseren Sorgen und unseren Alltagsthemen. Zu Menschen mit ihrer Sprachlosigkeit Gott gegenüber. Sprachlosigkeit, die oft aus der Übergröße der Sehnsucht kommt, weil das, was zu mächtig in uns ist, uns immer auch Angst macht. Ich nehme an – er sprach zu den Menschen, die sehr oft das Gefühl hatten, dass das Leben um sie herum geschieht und sie mitreißt. Zu den Menschen, die sich vielleicht sogar gerne hatten, dass das Leben sie mitreißt und sie an allem beteiligt sind und nicht nur irgendwo am Rande aller wichtigen Weltereignisse stehen. Doch oft fragen wir ratlos: „Was widerspiegeln die Weltereignisse – den Willen Gottes oder den Willen und die Willenskraft der Menschen? Wie ist die Verantwortung zwischen Menschen und Gott aufgeteilt?“ Oft möchten wir gerne alles an uns reißen und vieles geht ja auch gut. Die Schönheit der Kunst und Kultur sowie die Verbundenheit und Liebe und auch Konflikte, Kriege und viele Katastrophen widerspiegeln die Willenskraft der Menschen.

Manche Menschen machen mit Gott dasselbe, was sie in der zwischenmenschlichen Beziehung tun– für das Gute sind sie selbst verantwortlich, aber am Schlechten ist der andere, diesmal Gott, Schuld. Ein einfaches Schema, aber ein schrecklich gefährliches.

Diese Einstellung macht echtes Vertrauen auf Gott absolut unmöglich. Erst durch die Fähigkeit, die Verantwortung für die Schattenseiten des Lebens zu übernehmen – individuell wie kollektiv – stärken wir das Vertrauen in das Größere.

Die dritte Bitte des Vater Unsers betrachten wir heute etwas näher. Sie lautet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Diesen Text finden wir nur im Matthäusevangelium, vielleicht weil dem Verfasser die tragende Tradition des Glaubens sehr wichtig war und durch diese Worte wollte er sie besonders betonen. Die Worte Jesu ruhten auf der Glaubenstradition seiner Zeit. Z. B., Ein altes relativ kurzes jüdisches Gebet, das Qaddisch, ist dem Vaterunser sehr ähnlich. Der dem Vaterunser nahe stehende Text des Qaddisch lautet:

„Verherrlicht und geheiligt werde sein großer Name

in der Welt, die er nach seinem Willen schuf.

Er lasse herrschen seine Königsherrschaft

zu euren Lebzeiten und zu euren Tagen und zu Lebzeiten des

ganzen Hauses Israel in Eile und Bälde.

Gepriesen sei sein großer Name von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Wie das Quaddisch-Gebet, so auch das Vaterunser in seiner 3. Bitte betont den Willen Gottes. Es scheint abstrakt und ungreifbar. Um damit überhaupt umgehen zu können, brauchen wir ein Grundvertrauen. Wenn wir innerlich das Gefühl haben, dass es Gott mit dieser Welt nicht gut meint oder dass er für die Kriege und Katastrophen verantwortlich ist, stolpern wir über die 3. Bitte und werden sprachlos. Doch was bedeutet „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“? Ich möchte 3 Aspekte herausheben:

  1. Diese Worte stehen in direktem Zusammenhang mit dem Reich Gottes. Mit der Weltordnung, in der das Gute sich absolut durchgesetzt hat. Mit einer Realität, in der kein Schmerz und kein Leid mehr ist - für keinen – nicht nur für mich oder dich – für keinen. Wenn wir versuchen uns das praktisch vorzustellen, merken wir, wie groß die Idee vom Reich Gottes ist. Es ist mehr als eine Win-Win Situation. Das Reich Gottes ist das größere Ziel, das für uns Menschen im hier und jetzt zuerst unmöglich erscheint.  Das Reich Gottes ist die Absolute Heilung dieser Welt. 

  2. Und trotzdem - Dein Wille Geschehe – beängstigt nicht selten, weil wir aus Erfahrung wissen – es kann zu Leid führen. Auch aus der Christlichen Tradition wissen wir, dass Jesus vor seinem Tod im Garten Gethsemane genau diese Worte betete. Ja „Dein Wille geschehe“ kann in das Leid führen, aber es führt nie am Heil vorbei. „Dein Wille geschehe“ ist der Weg zum Heil. Oft fragen die Menschen: „Was soll ich tun für die Heilung dieser Welt und für die Heilung meines eigenen Lebens? So vieles ist doch nicht in Ordnung!“ Eine Antwort hat Luther gegeben: „Wenn ich heute viel zu tun habe, dann muss ich viel beten.“  

    Dein Wille geschehe, Gott, damit die richtige Spur gehalten wird. Die, die nie am Heil vorbei geht. Die, die immer zur Heilung führt.

  3. „Dein Wille geschehe“ ist das Wort, das uns entspannen lässt. Durch Wiederholungen dieser Worte kommt in unser Leben tieferes Vertrauen. Das ist der Weg, der uns zur Heilung führt. Unsere Heilung ist weder von den richtigen Entscheidungen noch von unseren Fehlern abhängig. Unsere Heilung kommt durch den Willen Gottes in unser Leben und in diese Welt. Sie ist immer viel größer als jegliche menschlichen Vorstellungen von ihr. Sie ist ein Geschenk. Sie ist der Wille Gottes: wunderbar, unerklärbar, ungreifbar. Sie ist das Ziel des Lebens. Das ist einer der wichtigsten Glaubensinhalte im Christentum. Das leben wir nicht nur individuell, jeder für sich, sondern miteinander.

Das Vater Unser Gebet ist ein Wort, das an die Gemeinschaft gerichtet wurde. Es ist nicht nur das tiefe persönliche Gebet jedes einzelnen. Es ist das Gebet für das Miteinander. Als Gemeinschaft beten wir: „Dein Wille geschehe!“ und damit meinen wir: egal wie viel wir zu tun und wie viel Sorgen jeder von uns hat – unser Weg führt zur Heilung. Das glauben wir auch in den Momenten in denen uns nur leise Sehnsucht an das Ziel erinnert. Die mächtige Sehnsucht. Sie lässt uns gemeinsam beten und das Tiefpersönliche hier miteinander teilen. Auf ihren Flügeln trägt uns Gott durch die Tiefen der Seele zu der Gemeinschaft der Gläubigen, die „Dein Wille geschehe!“ betet und auf das Reich Gottes hofft. Amen.

Gottesdienstbesucher am Dirndlgwandsonntag
Fröhliche Besucher des Gottesdiensts am Dirndlgwandsonntag

© Beide Bilder: Dr. Nina Wanek & Evangelische Gemeinde Gmünd Waidhofen

Der Dirndlgwandsonntag war gut besucht von unserer fröhlichen Community. Die Kleinsten wurden von Lizete und ihrer Kollegin in der Zwischenzeit bei einem tollen Bastelprogramm betreut.

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Predigt beim Heidenreichsteiner Burgstadtfest, 6. Okt. 2024

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Nachschau: Das war die Lange Nacht der Kirchen ’24