Festrede zur Vernissage von Katerina Teresidi
Kunstgalerie Waldviertel, Freitag, 14. Februar 2025, Werke von Katerina Teresidi
Liebe Katharina, lieber Herr Bürgermeister, liebe Festgäste!
Mit großer Sicherheit hat jeder von uns heute wenigstens einmal in den Spiegel geschaut. Vielleicht sogar unbewusst, weil die meisten Spiegel in unserer Umgebung so ausgerichtet sind, dass wir fast aus Versehen den Blick auf unser Äußeres werfen können. Das ist die kleine, sorglose Überprüfung, ob die Welt noch in Ordnung ist, ob der Lippenstift sich auf den Lippen und nicht auf den Zähnen befindet, ob die Krawatte schön glatt sitzt, ob wir den richtigen Eindruck hinterlassen.
Immer wieder gibt es längere Betrachtungen im Spiegel. Wie in deinen Bildern, liebe Katharina, in denen du Menschen vor dem Spiegel gemalt hast. Was sehen diese Menschen?
Ein unvollkommenes Wesen, bei dem alles nach Optimierung schreit oder einen wunderbaren Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist. Ein wunderbares Wesen aus dem ein besonderes, beruhigendes Licht strahlt trotz Scherben, Kriege und Dramen des Lebens.
Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Auch die Unvollkommenheit. Immer besteht die Wahl, was ich sehe. Doch unheimlich stark redet auf mich die Stimme des 21. Jahrhunderts ein – und ich fange an, an mir Defekte zu sehen, die weder ein liebender Mensch neben mir, noch mein Kind, noch mein Hund oder Pferd wahrnehmen könnten. Meine Defekte bekommen komplizierte Namen und einen Haufen von Lösungsangeboten. Sinnvoll scheint es nicht, aber aufregend, jedenfalls für den Hund, der nun meine Unzufriedenheit riecht. Und vielleicht riechen das auch die Menschen. Weil Unzufriedenheit hat einen starken Geruch – nach Schweiß, Stress und Tränen. Und vielleicht spürt mein Kind meine Unzufriedenheit und fragt, warum ich es nicht geschafft habe es zu optimieren. Ein unperfektes Kind– das gibt es doch im 21. Jahrhundert nicht, oder?
Ein unoptimiertes Wesen in einer unoptimierten Welt schaut mir im Spiegel entgegen, sobald ich es länger betrachte als nur um mich zu vergewissern, dass die Welt in Ordnung ist, dass der Lippenstift oder die Krawatte sitzen und der Eindruck Ok ist. Jedenfalls mit den Augen des 21. Jahrhunderts halbwegs ok.
In einem deiner Bilder steht eine Frau nackt vor dem Spiegel: der Zeit, der Veränderung und der Unvollkommenheit ausgeliefert. Es kostet unheimlich viel Kraft so vor dem Spiegel zu stehen und die Unvollkommenheit auszuhalten. Je unerträglicher sie wird, desto stärker werden die Lichtblicke dazwischen. Als würde ein Leuchtturm in seinem aufdringlichen Drehen auf die Frau einwirken und etwas in ihr lebendig machen, was da schon seit Anfangen war. Die Liebe zu ihr selbst.
© Katerina Teresidi: “The Beauty that we’ve seen, the Beauty in between – I wanna save that Light!”
Die kurze Ahnung, dass die Worte – Gottes Ebenbild – gar nicht so leer und abgedroschen sind, als das trendig zu behaupten ist. Dieses Gefühl kommt ungeplant. Vielleicht ist es ja nur die Konsequenz meines unoptimierten Ichs.
Aber das Licht schimmert und blitzt. Und macht Schatten. In meinen Gedanken.
Spr 27,19 Im Spiegel des Wassers erkennst du dein Gesicht und im Spiegel deiner Gedanken erkennst du dich selbst. – Sagt ein Wort aus der Bibel, der Heiligen Schrift der westlichen Welt.
Ein Text, der uns etwas erläutern sollte, wenn wir ihn lesen würden.
Gelingt es mir so in den Spiegel zu schauen, dass ich mich selbst erkenne? Welche Spiegel reflektieren mir meine Gedanken und helfen mir dadurch bei mir selbst anzukommen, in der Existenz in der es blitzt und schimmert und dunkelt und ein Durcheinander des Lebens und der Liebe herrscht.
So ein Spiegel kann für mich Kunst sein, wenn sie die aktuellen Themen der Gesellschaft aufgreift. Unabhängig von meinem Willen, bin auch ich in diesen Themen verstrickt. Und immer wieder glaube ich, dass mit etwas mehr Mühe ich besser sein, zum Beispiel, schneller denken, ohne Akzent reden oder besser aussehen könnte.
Ich glaube. Schon wieder. So viel muss ich glauben. An den technologischen Fortschritt, der alles besser macht, an dasnie aufhörende Wachstum. Und zunehmend versage ich als Mensch gegenüber den Technologien. Jedenfalls – ich glaube das. Oder muss das glauben.
Und sicher haben all diese Worte, die ich gerade eben gesagt habe, wenig mit einer perfekten Rolle der Pfarrperson zu tun. Trotzdem dürften sie vieles mit mir als Menschen, als Frau, die aus Leidenschaft Pfarrerin ist, zu tun haben. Als den glaubenden Menschen, der genauso wie das Ebenbild Gottes auch den Zeitgeist in sich trägt, der die Hoffnungen, Zweifel und Sorgen mit anderen Menschen im direkten Sinne des Wortes teilt. Manchmal stelle ich mit großem Schreck fest, dass die optimierte Welt und der optimierte Mensch sich unglaublich schwer tut im Spiegel das Blitzlicht des Göttlichen wahrzunehmen. Es fehlt ihm die Phantasie die Orte des Trostes und des Segens aufsuchen und den Mut zur Unvollkommenheit in sich zu finden.
Ist aus dem Ebenbild Gottes der Homo Deus mit Worten Harrari entstanden? Der Übermensch des 21. Jahrhunderts, der in seinem Spiegelbild eher den technologischen Fortschritt als das Ebenbild Gottes sieht? Der neben Ersatzgelenken mit 90 auch ein Gesicht eines jungen Menschen trägt. Als Hologramm oder in Echt, als Filter oder als Maske.
Was bewirkt in diesem Menschen ein Gespräch mit einem KI Jesus aus einer Jesus App? Ist das tröstlich, ist das kirchlich, ist das religiös?
Vielleicht ist das ein Zeitvertreib mal mit einem KI Gott zu sprechen. Wer perfekt ist, braucht kein Gegenüber und dann bleibt viel Zeit übrig. Doch das Licht schimmert durch die Zeit und sucht und sucht, wo es vielleicht unerwünscht oder mindestens unerwartet eine Lücke findet, wo es etwas Schatten machen könnte. Und dann fängt ein Spiel an. Ein Schattenspiel. Und es wird Licht. Und es wird leicht. Dort, wo das Licht durch die Zeit schimmert, kommt die Leichtigkeit von alleine. Wie durch die Spalten einer alten Holztür, die aus Brettern von einer Hand vor langer Zeit sorgfältig zusammen gehämmert wurde und heute nichts mehr von der Perfektion kennt. Das Licht schimmert durch die Zeit. Auch für den Homo Deus des 21. Jahrhunderts.
Diese Hoffnung schimmert durch deine Bilder, liebe Katharina, deine gesellschaftskritische Stimme ist voller Liebe zu Menschen, die im Raum und Zeit leben. Und dann ist schon alles geschehen – die Hoffnung ist geboren – durch deine Hand, durch deine Kunst, durch deine ganz besondere Ausdrucksform.
Ich gratuliere dir zu deiner Ausstellung hier in Waidhofen.
Pfarrerin Dace Dišlere-Musta
© Katerina Teresidi: “You will be given the light”